Olivenernte und so weiter

Donnerstag, 6. November 2014

A hot cup of coffee and a good book in my hand / Fragen an die Autoren


San Diego ist eine tolle Stadt, das erste Mal waren wir 2010 dort, spontan in Form eines Tagesausflugs von L.A. aus. Und da wir beide die Stadt auf Anhieb mochten, haben wir 2011 unsere US-Westküstentour sowohl dort begonnen als auch beendet. 


Nachdem der forschende Gatte schon einiges über L.A. veröffentlicht hatte, überlegte er sich zusammen mit seiner Kollegin Antje - nach einer gemeinsamen Kalifornienexkursion 2012 - ein Buch über San Diego zu schreiben und die beiden planten eine weitere zweiwöchige Forschungsreise, um u.a. Interviews zu führen und noch fehlende Photos und Begehungen zu machen. Diese Exkursion fand dann im Sommer 2013 statt, und ich habe mich ihr nach einigem Zögern, ob des Reiseinhalts, angeschlossen. Denn so spannend ich Städte, Landschaftsforschung und auch Biographienforschung finde, so fragte ich mich doch, will ich da wirklich den ganzen Urlaubstag etwas von hören ;-)? Und überhaupt, will ich als einzige Urlauberin von Dreien unterwegs sein? Dann dachte ich mir, was soll’s, setze ich mich eben häufiger ab und mach das, wonach mir ist. Und am Ende? Bin ich jeden Tag mit losgelaufen, weil ich es einfach wirklich so interessant fand!

Jetzt ist das Buch von Olaf und Antje bei Springer veröffentlicht worden und weil ich es so spannend und lesenswert finde, habe ich den beiden Autoren ein paar Fragen gestellt (beiden getrennt via Mail, deshalb sind Doppelungen in den Äußerungen vorhanden).

Und bevor jetzt die Fragen und Antworten kommen: Wer also in seinem Umkreis Menschen hat, die sich für Sozial- und Kulturgeographie, für Hyprides, Biographienforschung und die entspannteste Metropole der Welt interessieren, hier kommt genau das richtige Weihnachtsgeschenk für sie! 

 


Hybridität ist ein total spannendes und vielfältiges Thema, wird manchmal aber auch sehr verschwenderisch verwendet, oder? Wo beginnt Hybridität und wo endet sie - in ca. drei Sätzen:-)?
Olaf: Eigentlich ist im Kulturellen das Hybride das Normale und das Reine das Untypische. Gerade in San Diego wird dies deutlich: Baulich finden sich hier viele Einflüsse aus der spanischen und der mexikanischen Vergangenheit, es entwickeln sich Mischkulturen aus Herkunftskulturen aus den Herkunftsregionen von Einwandern und Elementen der us-amerikanischen Kultur, die sich auch beeinflusst von den Einwanderern zeigt.

Antje: Hybridität ist ein Prozess und kein Zustand und somit schwierig  einzugrenzen. Auch deshalb haben wir in unserer Studie nicht die eine  Hybridität San Diegos herausgestellt, sondern verschiedene Dimensionen von Hybridität analysiert und beschrieben. Wenn ich versuchen soll, einen Anfang und ein Ende von Hybridität zu beschreiben, dann beginnt Hybridität dort, wo verschiedene kulturelle Einflüsse zusammenfließen und etwas Neues entstehen lassen (das jedoch noch immer alte Merkmale beinhaltet) und endet dort, wo es zu keinen Verkreuzungen, sondern lediglich zu einem Nebeneinander kommt.
 


Warum ist euer Buch, wie von mir oben behauptet, ein tolles Weihnachts- geschenk (selbst wenn man nicht so wunderbar in der Widmung erwähnt wird)?
Antje: Weihnachten ist ein Fest, das wir mit unseren Familien und Freunden feiern und an dem wir uns auch an Kindheitserlebnisse erinnern und überlegen, welche Bedeutung diese biographischen Erfahrungen für unser heutiges Leben haben. Unser Buch behandelt das Miteinander von Siedlungsentwicklung und Biographien und regt somit mit Hilfe der Darstellung verschiedener Lebensgeschichten ebenfalls dazu an, die Konstruktionen dessen zu reflektieren, warum wir und unser Umfeld heute so leben, denken und wahrnehmen, wie wir es im Alltag für selbstverständlich erachten.

Olaf: Es befasst sich mit einer Stadt, die ansonsten nicht so sehr der Gegenstand einer Befassung in Büchern ist. Über Los Angeles, London, New York usw. gibt es viele Publikationen. Es gibt in San Diego einige Entwicklungen, die nicht so typisch sind für andere amerikanische Städte, das macht San Diego ebenfalls interessant. Das Buch ist auch spannend, weil hier eine Verknüpfung zwischen individuellen Biographien und der Biographie einer städtischen Region hergestellt wird.


Welches Kapitel liegt euch besonders am Herzen und warum?
Olaf: Das kann ich nicht sagen, mir liegt eigentlich das ganze Buch am Herzen. Die einzelnen Kapitel bauen aufeinander auf. Es teilt sich in zwei Teile einen kleinen theoretisch-methodischen und einen, der sich mit San Diego befasst. Für Menschen, die sich eher mit der Stadt befassen wollen, ist sicherlich der zweite Teil interessanter.

Antje: Das Buch erzählt eine ganze Geschichte, die Biographien der Siedlung und die Biographien der vorgestellten Bewohner sind miteinander verzahnt. Somit fällt es mir schwer, ein einzelnes Kapitel herauszugreifen. Besonders beeindruckt hat mich im Laufe der Forschung allerdings der Chicano Park. Im Chicano Park – einem Park mitten unter einer Autobahnbrücke mit entsprechend unvorstellbarem Lärm – im überwiegend von sogenannten Hispanos bewohnten Barrio Logan wird das 
Eigenverständnis und die Identitätssuche einer Bevölkerungsgruppe, die weder von US-Amerikanern noch von Mexikanern als zugehörig akzeptiert wird, sichtbar.


 

Wie fühlt sich San Diego an oder anders gefragt, gibt es für dich ein typisches San Diego-Gefühl?
Antje: Nein, ein einziges San Diego-Gefühl gibt es für mich nicht. San Diego ist viel zu vielfältig, um es mit einem Gefühl zu beschreiben: je nachdem, ob man sich im reichen Norden oder in Grenznähe zu Mexiko im ärmeren Süden aufhält, ob an den zahlreichen wunderschönen Stränden oder in der weiten, menschenleeren Wüste, fühlt sich San Diego sehr unterschiedlich an. Aber vielleicht ist genau das das San Diego-Gefühl: die Vielfalt und letztlich auch die vielfach erlebbare Hybridität San Diegos und seiner Bewohner.

Olaf: Ich erlebe San Diego als eine sehr dynamische, aber auch sehr entspannte Stadt. Sie ist nicht so autofixiert wie Los Angeles, hier hat man nicht solche Sicherheitsneurosen wie in Los Angeles. San Diego steht weniger im Fokus des internationalen und auch des wissenschaftlichen Interesses als Los Angeles. Gerade die Lage an der Grenze zu Mexiko schafft eine ganz besondere Vielfalt.


Wenn man nur auf Stippvisite in San Diego ist, was sollte man in diesen 2 bis 3 Tage auf jeden Fall machen?
Olaf: Das kommt darauf an, welches Interesse die Reisende oder der Reisende hat. Für jeden empfiehlt sich ein Besuch der Downtown, es handelt sich um eine funktional voll ausgeprägte Innenstadt. Das Gaslamp Quarter stellt ein wichtiges Beispiel einer Stadterneuerung, die die historische Bausubstanz sehr behutsam behandelt. Sehenswert ist auch der Balboa Park, ein Park mit einer Größe von knapp 1000 Hektar am Rande der Innenstadt ist in amerikanischen Städten alles andere als üblich. Ansonsten gilt der persönliche Interesse: für Erholungssuchende gibt es viele Strände, für Menschen, die sich für Stadtentwicklung interessieren sind South Park, Hillcrest und Coronado Island. Weiter außerhalb ist Lakeside interessant, eine Siedlung, in der Menschen stark zu einem selbstverwirklichenden Lebensstil neigen.

Antje: Auf jeden Fall sollte man sich nicht scheuen, vieles zu Fuß zu erkunden: Es lohnt sich, auch Viertel außerhalb der in den Reiseführern beschriebenen Sehenswürdigkeiten zu entdecken – etwa das sich zur Zeit gentrifizierende Barrio Logan mit dem Chicano Park oder das nördliche bunte und etwas alternativere Hillcrest. Natürlich sind aber auch die beliebten touristischen Ziele wie der Balboa Park mit der ‚Spanish Colonial‘ Revival Architektur oder das Ausgehviertel Gaslamp Quarter und die Strände in La Jolla oder Coronado Island sehenswert. Um das Selbstverständnis und die Inszenierung von „America´s finest City“ San Diego besser zu verstehen, sollte man auf jeden Fall einen Tagesausflug nach Tijuana einplanen. 


Vielen Dank an die Beiden für die Antworten! Das Buch gibt es sowohl als E-Book als auch als Softcover. Und bevor der Post jetzt noch länger wird, verschiebe ich die Ausführungen darüber, was ich besonders an San Diego mag, auf ein anderes Mal. Was ich besonders lecker fand, inklusive einer kurzen Geschichte zu unserem Tijuana-Ausflug, findet ihr hier.




Ach so ja, selbst Familienstand und Widmung beeinflussen meine Meinung zu einem Buch natürlich nicht, und die beiden haben mich auch nicht bestochen, nicht mal mit Taccos :-)!

Kommentare:

  1. Ein toller Beitrag aber ich bin dafür dass dir die beiden dann doch noch ein paar Taccos vorbeibringen :)
    Liebe Grüße
    Armida

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    1. Ahhh, dein Kommentar freut mich total!!! Und der Gatte macht regelmäßig Taccos für mich, aber beitragsunabhängig, also kann ich mich nicht beschweren :-D!

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